Fünf Jahre LVR – ein Nachtrag

In meinen Träumen: ein friedlicher Himmel, neue Bücher und der Sieg
Lug-info.com, 15.03.2019: Über Krieg und Frieden, den Verrat von Kollegen und ihre Wahl des Donbass erzählt die Dichterin, Kinderbuchautorin, Dozentin an der staatlichen Lugansker Akademie der Kultur und der Künste ›Michail Matusowskij‹ (1915 – 1990, Dichter, Journalist und Übersetzer) und Mitglied des Schriftstellerverbandes der LVR Jelena Saslawskaja im Rahmen des Projekts ”Fünf Jahre LVR – mit der Republik im Herzen”.

Aus der Lugansker Gegend
Ich bin in Lisitschansk geboren. Nach dem physikalisch-mathematischen Institut der pädagogischen Hochschule Lugansk (heute Nationaluniversität
›Taras Schewtschenko‹) habe ich meinen Magister an der staatlichen Lugansker Akademie der Kultur und der Künste, wo ich heute als Redakteurin der Zeitung ›Kammerton‹ und Dozentin für Werbung und PR-Technologien arbeite, gemacht. Ich lebe in Lugansk und habe zwei Kinder: Der Sohn Iwan ist schon 18, die Tochter Darja zehn.

Das literarische Leben
Schöpfertum ist für mich das Wichtigste im Leben. Als Poetin habe ich sechs Bände herausgegeben: ”Die Epoche meiner Liebe”, ”Tränen einer Mutter”, ”Der Instinkt der Freiheit”, ”Bdyschtsch-Men & Co.” (?), ”Das Jahr des Krieges” und ”Das Papierflugzeug”. Auch veröffentliche ich in Periodika, speziell in der anthologischen Enzyklopädie ”
15 Jahrhunderte russischer Poesie”und in der Zusammenstellung moderner patriotischer Lieder und Lieder über den Krieg ”Arbeitet, Brüder!”. […]
Es versteht sich von selbst, dass die heutigen dramatischen Ereignisse im Donbass einen Widerhall in meiner Seele finden mussten. Deshalb beteiligte ich mich auch aktiv an den dem heutigen Krieg gewidmeten Sammelbänden ”Zeilen von Mannhaftigkeit und Schmerz”, ”Die Zeit des Donbass” und ”Die Wahl des Donbass”. Mit der Präsentation unseres Bandes ”Die Stunde der Mannhaftigkeit” trat ich in der Staatsduma der Russischen Föderation auf. […] Ich habe den Donbass in der Literaturwerkstatt 2008 in Berlin, 2012 auf der Leipziger Buchmesse sowie 2014 und 2016 auf dem Berliner Poesiefestival präsentiert.

Die teuflischen Tore des Majdan
Für mich persönlich begannen die jetzigen dramatischen Ereignisse mit dem überaus schweren Winter des ”Majdans”. Im Wörterbuch Dals hat das Wort ”Majdan” unter anderen folgende Bedeutung: Handelsplatz, Basar oder Ort, an dem sich Gauner und Betrüger treffen. Für mich bedeutet der ”Majdan” die teuflischen Tore, durch die der Bruderkrieg, Hass, Bosheit, Nazitum undd Faschismus in die Ukraine eingezogen sind. Deshalb habe ich ihn auch kategorisch nicht unterstützt, obwohl mir die Gefühle der einfachen, betrogenen Menschen, die etwas im Staat verändern wollten, nah und verständlich sind. Aber wie bekannt, war mit diesen tugendhaften Absichten der Weg in die Hölle gepflastert. Und diese Hölle begann für die Ukraine mit den Leuten, die auf den ”Majdan” gingen und sich der Propaganda und den modernen Technologien zur Manipulation der öffentlichen Meinung nicht widersetzen konnten.

Der Verrat an der Gemeinsamkeit
Genau in diesem Winter 2014 haben sich Kollegen aus der literarischen Gruppierung ›STAN‹, die in Lugansk seit 1997 existierte, von Schriftstellern und Dichtern in politische Aktivisten verwandelt, aber irgendwo auch in bekennende Provokateure auf Seiten der Ukraine. Vor fünf Jahren, am 3. März 2014, bin ich aus der Gruppe, deren Mitbegründerin ich war, ausgetreten. Meine vormaligen Kollegen haben sich bewusst von unseren Gemeinsamkeiten losgesagt. Sie unterstützten und unterstützen den antirussischen Kurs der Ukraine, und versuchen, unsere vorangegangene gemeinsame Tätigkeit als Ukrainisierung des Donbass darzustellen. Wenn ich ehrlich sein soll: Sie tun mir leid – wirklich. Sie tauschen die Möglichkeit, an vorderster Linie der Geschichte zu stehen, zu den echten Helden und Passionisten zu gehören, gegen das gemütliche Sesselchen des Kommentators, eines Experten in der „Frage des Donbass“ und ‚kultivieren‘ damit die Lemberger und Stanislauer (Iwano-Frankiwsker, Anm. d. Übers.) Kaffeehäuser. Ich bitte euch: Das ist langweilig und banal.

Meine natürliche Umgebung
Mich freut, dass sich aus dem talentierten literarischen Milieu Lugansks bei weitem nicht alle auf die ukrainische Seite geschlagen haben. Und als in der Zeit der Bombardierungen die einen ehemalige Lugansker Filme gedreht und sich mit dem Projekt ›Donbass, potschuj swojich‹ (höre die Deinen) auf ukrainisch an die Menschen im Donbass wandten oder T-Shirts mit ›Lugans’k ze Ukrajina‹ (Lugansk, das ist Ukraine) bedruckten und dazu aufriefen, sich der ukrainischen Armee nicht entgegenzustellen, gab es andere Schriftsteller und Dichter wie Aleksandr Sigida, Andrej Tschernow oder Gleb Bobrow, die zu den Progressiven gingen, Lugansk nach der Belagerung wieder aufbauten und den Literaturbetrieb in unserer nicht anerkannten Republik wieder in Gang brachten.

Die Jahre des Krieges
Am eindringlichsten sind meine Eindrücke aus der Vorkriegs- und Kriegszeit in dem 2015 , noch auf heißen Spuren, erschienen Band ”Gódy wojný“ wiedergegeben. Die Moskauer Rockband ›Swjerobòj‹ hat mit Versen aus diesem Buch die Lieder „Eti (diese) russkije“, „Jédut, jédut (es fahren) BTRy“ (die Schützenpanzerwagen,
https://www.youtube.com/watch?v=ctapPq8AH84) und „Na nàschich díkich póljach“ (Auf unseren wilden Feldern) geschrieben, die (nicht nur, Anm. d. Übers.) im Donbass zu Hits wurden. Das wurde zum Ausdruck dazu, dass ich mit einer solchen Wahrnehmung der Ereignisse nicht allein war. Inzwischen ist das alles schon Vergangenheit, aber die Erinnerungen bleiben. Es war ein schwieriges Jahr des Umbruchs sowohl für mein Land als auch für mich persönlich. Ich habe den Krieg gesehen. Ich weiß, was Bombenangriffe, Luftangriffe, Granatwerfer- und Artilleriebeschuss sind. Auch mein Haus wurde getroffen. Ich brachte einem schwer verletzten Kämpfer Morphin und versteckte während der Besetzung Lisitschansks, meiner Geburtsstadt, durch die ukrainische Armee die Waffe. Ich kenne die Leute von der Volksmiliz, die lebenden und die, die nicht mehr unter uns sind. Meine Familie hat mich bei meiner Entscheidung unterstützt. Es wäre gar nicht anders gegangen. Auf meinen Vater bin ich stolz; er ging zur Volksmiliz, erhielt in diesem Krieg mehrere Auszeichnungen und wurde so zum würdigen Sohn Iwan Saslawskijs, eines Verteidigers Leningrads.

Die Zukunft der Ukraine
Was meine frühere Heimat betrifft, so bin ich sicher, das die Ukraine, leider, nur eine der postsowjetischen Republiken ist, wo die russische Identität zu Gunsten trügerischer europäischer Versprechen zerstört wird. Diese Phänomene konnte man schon vor zehn, 15 Jahren im Baltikum und in Georgien beobachten. In der Ukraine wird dies prägnanter ausgedrückt und schmerzt mehr, weil die Diskriminierung der Russischsprachigen uns in ihrer härtesten Form traf, in der Form des Krieges.
Wenn man diese Länder mit dem Projekt einer zukünftigen Ukraine vergleicht, so sind die Perspektiven in keinster Weise erfreulich. Jetzt herrscht in diesen Splittern der ehemaligen UdSSR eine Situation, in der Menschen, deren Muttersprache russisch ist, sie nicht richtig lernen, die Rechtschreibung verlernen, in ihr keine Bildung erhalten, keine wissenschaftliche, berufliche oder politische Tätigkeit ausüben und anderweitig diskriminiert werden. Deshalb müssen in erster Linie die Ukrainer selbst für ihre Zukunft kämpfen.
Allerdings haben die Kriegsereignisse gezeigt, dass vielen in der Ukraine ihr persönliches Wohlergehen wichtiger ist als die Rechte ihrer Mitbürger. In dieser Zeit konnte man die totale, aggressive, nationalistische Propaganda, wie sie auf staatlichem Niveau von der Ukraine betrieben wurde, nicht übersehen oder ignorieren. Umso erfreulicher sind Fakten des Widerstands wie zum Beispiel der Teilnahme von Ukrainern an der Aktion ›Bjessmjèrtnyj
Polk‹ (unsterbliches Heer). Wie soll man da nicht an die Worte Johann Wolfgang Goethes denken „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss“.

Zusammen mit Russland
Diese ganzen fünf Jahre hat die Ukraine das Verhältnis zu ihren ehemaligen Mitbürgern anschaulich demonstriert. Man beschießt und bombardiert uns nicht nur, führt Terrorakte durch, zerstört Denkmäler sondern praktiziert auch eine komplette Wirtschafts- und Handelsblockade. Unsere Industrieunternehmen wurden durch den Willen der Ukraine aus ihren vormaligen ökonomischen Verknüpfungen herausgelöst, können sich nicht vollwertig entwickeln, die Einwohner mit Arbeit und Waren versorgen. Die Ukraine unternimmt – wie das nicht nur einmal vom ukrainischen politischen Establishment und von Aktivisten behauptet wurde – alles, um den Donbass ukrainisch oder menschenleer zu machen.
Nur Russland, das nicht nur humanitäre Hilfe leistet, sondern auch die schrittweise Integration der Einwohner des Donbass in den russischen wirtschaftlichen – und Kulturraum erleichtert, lässt nicht zu, dass diese Pläne Wirklichkeit werden. Deshalb sehe ich nur in der Integration mit Russland den Schlüssel zur Zukunft unserer Republiken. Und wenn wir es gern hätten, dass diese Prozesse schneller abliefen, müssen wir handeln, handeln unter komplizierten Bedingungen: Krieg, Blockade und Krise, die gleichzeitig als das Fenster zu neuen Möglichkeiten und dann zu Wachstum und Perspektiven erscheinen.

Das schwierige Leben Lugansks
Das Leben in Lugansk ist heute nicht einfach. Aber es hat mir echt zu verstehen gegeben, was ich wert bin, was ich kann, wonach ich strebe und mit wem ich zusammenlebe.
Meine jetzige Arbeit besteht darin, einer möglichst großen Zahl von Menschen mit Hilfe unserer Zeitung von der Arbeit der Akademie Matusowskijs zu erzählen. Dies ist ein einzigartiger Ort! Dank der Bemühungen des Rektors, des pädagogischen Kollektivs und der aktiven Studenten wurde hier eine Atmosphäre geschaffen, in der jeder die Möglichkeit hat, sich zu entwickeln, an sich zu arbeiten, zu wachsen und natürlich, schöpferisch zu sein.
Bald präsentiere ich meinen Gedichtband für Kinder „Sobáki – sabijáki“ (Hunde die Raufbolde o.ä.), der in St. Petersburg als Teil einer Serie „Kinder zeichnen Märchen“ erscheinen wird. Die Bücher dieser Serie entstehen nach einer besonderen schöpferischen Methodik. Sie verbinden die Unmittelbarkeit der Kinderzeichnungen mit der Reife der Bearbeitung durch einen professionellen Künstler. [Nennt drei weitere ihrer Arbeiten, darunter ›Noworòssija grjes . Noworòssija gros‹ (ursprünglich geplante Konföderation aus DVR und LVR {Anm. d. Übers.} – Traum oder Schrecken)] Es gibt ein Meer von Plänen und Berge von Arbeit! Deshalb sind in meinen Träumen und Plänen Frieden, neue Bücher und der Sieg!

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