Fünf Jahre LVR – Die Direktorin der Staatsbibliothek: Ein gewaltiges Feld, sich einzubringen

Lug-info.com, 9. März – Natalja Rostorgújewa, Direktorin der wissenschaftlichen Universalbibliothek Maxim Gorki erzählt dem Informationszentrum im Rahmen des Projektes Fünf Jahre LVR – mit der Republik im Herzen über das Leben der Staatsbibliothek.
30 Jahre Bibliotheksarbeit
Ich bin in der Lugansker Gegend geboren, in Nowostrelzòwka, Rajon Mjelowoje, damals noch Woroschílowgrader Oblast. Habe das staatliche Kulturinstitut in Charkow, Fachrichtung ‚Bibliothekar-Bibliograph‘ besucht und arbeite jetzt über 30 Jahre im Bibliothekswesen. Vor dem Krieg arbeitete ich knapp zehn Jahre als Expertin für Bibliotheken im Kulturdezernat der Oblastverwaltung.
Eine Ohrfeige für die Generation
Die dramatischen Ereignisse von 2014 erlebte ich wie fast jeder, der damals dort gewohnt und zum Wohle seiner kleinen Heimat, der Luganschtschina, gearbeitet hat. Noch nie haben sich die Ereignisse derart überstürzt wie im Frühli
ng 2014: Euromaidan, Staatsstreich im Kiew, neuer Termin für die Wahlen, Referendum auf der Krim, Versammlungem im Zentrum Lugansks, Besetzung des Geheimdienstgebäudes, Beginn der sogenannten ‚Antiterroristischen Operation‘ (der Ukraine, Anm. d. Übers.), Slawjansk (konnte nach dreimonatigen Kämpfen nicht gehalten werden, Anm. d. Übers.), die Tragödie des 2. Mai in Odessa.
Schock, Fassungslosigkeit, Empörung …
An eine Episode erinnere ich mich ganz besonders: Eine Reportage über ‚Feierlichkeiten‘ zum T
ag des Sieges in Lwow (eins der Zentren des Faschismus in der Westukraine, Anm. d. Übers.). Schwarz maskierte, faschistische Jugendliche bereiteten Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges, die auf den Lytschakow-Friedhof gekommen waren, um ihre gefallenen Kameraden zu ehren, ein Spießrutenlaufen. Zwei Reihen herbeigesprungener Halbwüchsiger skandierten ”Schande!” und die ergrauten Veteranen mussten dort hindurch. Für uns, die wir in den patriotischen Traditionen unseres Landes aufgewachsen sind, gab es keine größere Empörung und wird es wahrscheinlich nie geben. Eine solche Ohrfeige für eine ganze Generation zu vergessen, fällt schwer.
Nur auf ‚meiner‘ Erde
Nach dem Luftangriff auf die Oblastverwaltung am 2. Juni 2014 und dem Beginn des Krieges gegen die friedliche Lugansker Bevölkerung gab es im Leben ein striktes ‚Davor‘ und ein ‚Danach‘. Anfang August, zur Zeit des schlimmsten Beschusses der Stadt, fuhr ich in meine Heimat Mjelowoje und nach Swatowo – das
Foto im Pass musste ich ändern. Zu der Zeit gab es dort die Oblastkulturverwaltung, deren Mitarbeiterin ich formal noch war. In zwei Wochen wuchs in mir die Erkenntnis, dass ich nur in meinem Land werde leben und arbeiten können, wo mein Haus steht, die Gräber meines Volkes sind, Freunde und Verwandte, wo ich in meiner Muttersprache reden darf.
Die einfachen Worte ‚wir müssen‘
Nach der Rückkehr nach Lugansk ging ich in das Gebäude der Verwaltung, in die Kulturverwaltung, in meine Abteilung. Peu à peu kehrten auch die Kollegen zurück, wir brauchten ein klares Bild der Lage: Welche Kultureinrichtungen haben unter dem Beschuss gelitten, wo waren Wiederaufbau oder Reparaturen nötig, wer von den Leitern war noch auf seinem Platz?
Von unseren Einrichtungen hatten das Zirkusgebäude, das Heimatmuseum und die Staatsbibliothek die ärgsten Schäden erlitten. Außerdem waren die ‚Gorkowka‘ (die Bibliothek) und das ukrainische musikalisch-dramatische Theater führungslos – sie waren auf die andere Seite verschwunden.
Es begann eine Verwaltungsreform, die Kulturverwaltung wurde reorganisiert und wir alle ‚freigesetzt‘.
Die Notwendigkeit, Gebäude und Kommunikationseinrichtungen wieder herzustellen sowie die Wiederaufnahme der Aktivitäten angesichts des herannahenden Winters zwangen die Führung der Republik, schnelle und unerwartetete Entscheidungen zu treffen. Es wurde niemand groß gefragt ”Wollen Sie?” oder ”Wollen Sie nicht?” – es gab nur die Worte ‚wir müssen‘. Deshalb war ich überhaupt nicht überrascht, als ich den Befehl bekam, den Posten der Direktorin der ‚Gorkowka‘ einzunehmen, erhielt.
Krisenmanagement
Ein Gebäude mit durchschlagener Fassade – Fenster kaputt, kein Licht, kein Wasser, keine Heizung. Über 40% des Kollektivs waren nicht auf ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt. Die Website ‚geklaut‘, kein Internet, seit Monaten kein Gehalt ausgezahlt bekommen … Aber, das Grundgerüst eines einzigartigen Kollektivs war erhalten geblieben: Die, die an den ersten Tagen nach dem Beschuss in die Bibliothek zurückkamen, die in dem beschädigten Haus übernachteten, die Diebstähle und Feuer verhinderten, die Fassade und Fenster notdürftig verschlossen: Leute, dank derer die ‚Gorkowka‘ schon am 1. Oktober 2014 wieder die ersten Leser empfing. Das war auch die Motivation, der grundsätzliche Aufhänger für den neuen Krisenmanager (lacht), nicht an den ersten Tagen gleich wieder wegzulaufen. Das Vertrauen dieser Menschen durfte man nicht enttäuschen.
Aber Gott sei Dank haben wir ausgehalten. Mit besonderer Wärme erinnern wir uns an unsere Freunde vom Schriftstellerverband der LVR und sind ihnen immer dankbar. Von ihnen erhielten wir mehrmals nicht nur Bücher, sondern auch Lebensmittel, Zucker, Butter, Konserven, Säfte.
Dem Krieg zum Trotz
Es macht Mühe, mit wenigen Worten zu beschreiben, was unserem Kollektiv in den vergangenen vier Jahren gelungen ist. Das ist nicht nur ein zweites Leben, sondern sicherlich auch der Wunsch, aller Unbill zum Trotz zu leben, die Bedeutung dieser Bibliothek für die Republik und die Verantwortung für die Zukunft verstanden zu haben.
Hier kurz und in groben Zügen, was dem Kollektiv von 2015 bis heute gelang:
eine neue Website – eine enorme Informationsquelle (http://lib-lg.com/)
– Wiederinbetriebnahme des elektronischen Lesesaals
– Zugang zur elektronischen Datenbasis von Dissertationen und Referaten der Russischen Staatsbibliothek
– Gründung eines wissenschaftlich-methodischen Koordinationsrates der wichtigsten Bibliotheken der LVR
– finanzielle Unterstützung durch den allrussischen Fond
Russkij Mir (Welt)
– das riesige kulturell-humanitäre Projekt
Unsterblich wie das Wort zum 215. Geburtstag Wladimir Dals
– das kulturell-humanitäre Zentrum
Territorium der Gedanken mit einer Abteilung für Leser mit Behinderungen
zwei wissenschaftlich-praktische Konferenzen, 19 literarische und heimatkundliche Lesungen
– die Erweiterung der materiell-technischen Basis mit Hilfe des Fonds
Russkij Mir, russischer Schriftsteller und Verlage
– sich als Kommunikationsplattform zu etablieren: über 500 Runde Tische, Buchpräsentationen, literarisch-musikalische Abende, Treffen mit Schriftstellern u.a. im Jahr
– 100 bis 250 Leser täglich

Ein Wort des Dankes …
… der Führung unserer Republik, die in diesen schweren Zeiten Möglichkeiten gefunden hat, Mittel zum Wiederaufbau der Bibliothek zur Verfügung zu stellen. In zwei Jahren konnten wir fast alle unsere Wunden heilen: die Fassade wurde neu verkleidet, es gibt neue Fenster, die Kommunikationseinrichtungen wurden erneuert, sechs Abteilungen und zwei große Säle wurden vollständig renoviert, wofür wir besonders dankbar sind, denn in einigen davon gab es seit 30 Jahren keine Renovierung!

Das Russische Zentrum
2019 jährt sich Gründung des Russischen Zentrums in der ‚Gorkowka‘ (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Regierungseinrichtung der DVR, Anm. d. Übers.) zum zehnten Mal.
Für November planen wir die öffentliche wissenschaftlich-praktische Konferenz
Prawo na slowo. Donbass.ru (Das Recht auf das Wort ..), die diesem Ereignis gewidmet ist.
Es ist sehr angenehm, dass sowohl viele unserer Partner aus der Russischen Föderation und der DVR, als auch führende Philologen, Historiker und Autoren unserer Republik ihre Teilnahme zugesagt haben.
Der Fond
Russkij Mir ist uns bis heute ein vertrauenswürdiger Partner. Ab 2015 konnten wir dank einem Kooperationsvertrag die Computer- und Multimedia-Ausrüstungen der Bibliothek etwas erneuern und jedes Jahr erhalten wir eine Partie neue, aktuelle Literatur.
Die partnerschaftlichen Beziehungen zu führenden Bibliotheken Russlands, die es uns gelang, aufzubauen, erlauben uns, professionell auf dem Stand der Technik zu bleiben. So nehmen wir nicht nur an verschiedenen Konferenzen teil, sondern haben auch Möglichkeiten, professionell drucken zu lassen, gemeinsame Projekte zu realisieren. Das ist auch eine wichtige Stimulanz für unsere weitere Arbeit.
Die Auferstehung der heimatlichen Erde
Die gegenwärtige historische Epoche ist schwierig und widersprüchlich. Wir empfinden dabei die leibhaftige Teilhabe unserer Bibliothek an allem, was vor sich geht, und die Verantwortung dafür, es für kommende Generationen in würdiger Erinnerung zu halten. Deshalb dient alles, was uns gelang zu machen, zu erhalten, zu vermehren, einem großen Ziel, der Auferstehung der heimatlichen Lugansker Erde und ihrer Menschen.

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