Fünf Jahre LVR – mit der Republik im Herzen

Die Ukrainisierung war eine moralische Sünde

Lug-info.com 05.03.2019 – Über ihre Liebe zu Lugansk und zur Literatur erzählt Dr. der Philosophie Larisa Tschernijenko, Professorin für Literaturwissenschaft an der Nationaluniversität (LNU) Taras Schewtschėnko (Lyriker 1814 – 1861) im Rahmen des Projekts „5 Jahre LVR – mit der Republik im Herzen”.

Eine echte Luganskerin
Ich bin eine echte Luganskerin, bin hier geboren und habe ununterbrochen hier gelebt. Meine Eltern stammen aus dem Gebiet Rostow am Don, von den Kosaken, und sind während des Großen Vaterländischen Krieges hierher gekommen. Meine Mutter war beim Roten Kreuz und organisierte anfangs, nach der Befreiung Woroschilowgrads (Bezeichnung für Lugansk 1935 – 1958 und 1970 – 1992, Anm. d. Übers.), die Krankenhäuser der Stadt und der Oblast. …

Alma Mater
Ich besuchte die Schule 33, damals eine Einrichtung mit Prestige. Von der fünften Klasse an wusste ich, dass ich Lehrerin werden würde – natürlich ohne zu wissen, in welcher Form. Später wurde mir klar, dass ich unbedingt Philologin werden wollte und ging deshalb in der zehnten Klasse an unser pädagogisches Institut – heute die LNU – zur ‚Schule der jungen Philologen‘. Dass es damals zwölf Bewerber für einen Platz gab, ließ ich außer acht.
Dann lernte ich, war vier Jahre lang die Gruppenälteste und erhielt sogar eine Ehrung. Überhaupt halte ich mich für eine ‚pathologische Besonderheit‘ (lacht), beendete die Schule mit der Goldmedaille und das Institut mit dem Roten Diplom (nicht weniger als 75% sehr gute oder gute Noten, Anm. d. Übers.). Offenbar deshalb erhielt ich sofort den Lehrstuhl für russische und ausländische Literatur. Und den besetze ich jetzt seit 48 Jahren.
Meine Dissertation habe ich in Moskau am Lenininstitut, heute staatliche Pädagogische Universität, verteidigt. Das Thema war ‚Kinderliteratur der 20er- und 30er Jahre‘. Das war ganz nach meinem Geschmack und sofort durchwälzte ich mit größtem Vergnügen die Archive.

Russische Sprache und Politik
Die ganze Zeit bis zu unserem Russischen Frühling interessierte mich Politik nur, soweit sie mit der Wissenschaft und der moralischen Erziehung der Studenten zu tun hatte. Das heißt Erziehung durch Literatur, durch Klassik und Moderne. Mit der Politik als Ganzem habe ich mich nie beschäftigt und war in keiner Organisation oder Vereinigung.
Gleichzeitig waren alle diese Etappen der Ukrainisierung, die wir seit einem Vierteljahrhundert erlebten, für mich als Philologin aus Leidenschaft und Menschen, der sich beruflich mit der russischen Sprache beschäftigt, eine schmerzhafte Empfindung. Ich denke, dass das überhaupt eine moralische Sünde war; man hätte das nicht machen dürfen, so zu ukrainisieren, gewaltsame und diskriminierende Maßnahmen zu ergreifen. Wir waren hier immer dagegen. Unsere Fakultät, die der russischen Sprache, war immer gegen solche unterdrückerischen Maßnahmen. Dabei weiß ich, dass in einigen Einrichtungen bis heute Tendenzen bestehen, dass wissenschaftliche Artikel sowohl auf Russisch als auch auf Ukrainisch zu veröffentlichen seien.

Eine fremde Weltanschauung

Als ich noch zur Schule ging, aber schon einigermaßen erwachsen war – etwa 14, 15 – erzählte meine Mutter mir eine Geschichte, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.
Meine Mutter war Grundschullehrerin und hatte eine Freundin, mit der sie zusammen in der Ausbildung war. Nach dem Krieg ging dieses Mädchen aus Bürgerpflicht in die Westukraine um dort Kinder zu lehren. Und dort wurde sie von Bandera-Faschisten ermordet. Auf schrecklichste Weise brachten sie eine junge Frau um, die gekommen war, Kindern etwas beizubringen.
Seit jener Zeit habe ich eine ganz dezidierte Beziehung zu Ideologie und Weltanschauung, wie sie in der Westukraine kultiviert werden. Meine Mutter war von Natur aus Internationalistin, mein Vater auch. Sie haben den ganzen Krieg durchgemacht und immer gesagt: „Es gibt keine schlechten Völker. Es gibt nur schlechte oder gute Menschen.“ Aber das Wort ‚Banderowjez‘ war bei uns in der Familie ein Schimpfwort und absolut negativ besetzt.

Der Russische Frühling

Als die Unseren das Gebäude der Staatssicherheit besetzten und die Zeltstadt errichteten – das war direkt hinter unserer Universität – begann ich, mir große Sorgen um die Menschen zu machen. Ich wusste, dass das sehr ernstzunehmen war, dass es Blutvergießen und Opfer geben konnte. Das hat mich natürlich sehr erregt.
Was die Idee des Russischen Frühlings an sich betrifft, so war der Grund, warum die Menschen sich erhoben, direkt nachvollziehbar. Wie hätte man sich diese Ideologie aufzwingen lassen können, wie sie es versucht haben? Sogar die Studenten unterstützten mit großer Mehrheit, mit wenigen Ausnahmen, den Russischen Frühling.
Wir haben unsere Arbeit praktisch nie eingestellt. Der aktive Beschuss geschah zur Zeit der Semesterferien. Ich erinnere mich noch genau, wie wir am 14. September 2014 die Aufnahmeprüfungen der Abiturienten abnahmen.

Das blockierte Lugansk

Ich bin nie von hier fortgefahren. Ich wohne nicht weit von der Dal-Universität (W. I. Dal, Schriftsteller und Lexikograph 1801 – 1872) im Shukowviertel. Das wurde auch beschossen; im Nachbarhaus starben zwei Menschen. Von Zeit zu Zeit fuhren wir auf die Datscha ins Dorf Pionerskoje in der Nähe der von den ukrainischen Streitkräften besetzten Staniza Luganskaja.
In diesen schweren Tagen überraschten mich im positiven Sinne zwei beispielhafte Vorfälle.
Einmal feierten in Pionerskoje den Geburtstag eines Bekannten. Wir sitzen im Haus des Nachbarn, decken den Tisch, singen Lieder und gratulieren. Da beginnen sie zu schießen. Buchstäblich über unseren Köpfen pfiffen die Geschosse und Granaten. Unter uns war eine Dame mit Humor und die sagte dann immer: “Das kommt nicht zu uns, das fliegt weiter!“ Ich will damit sagen: Völlig ruhig, ohne jede Panik begingen wir den Feiertag, ohne uns von dem beeindrucken zu lassen, was um uns geschah.
Der zweite Fall: Am Tag des Bergmanns waren wir zu Hause in der Stadt. Ich gucke aus dem Fenster, wir haben einen großen Hof – von 16, 17 Häusern umrahmt. Da stehen Tische und Bänke. Leute bringen alles mögliche an Essen und Trinken hinaus, feiern und singen ‚Ging einer junger Mann in die Donezker Steppe‘ (https://www.youtube.com/watch?v=qN4NP5aV8Gs). Plötzlich gibt es Beschuss. Niemand ist aufgesprungen, niemand weggelaufen. Nur ein Mann zeigt zum Geräusch eines vorbeifliegenden Geschosses eine Faust und ruft: „Jetzt hört schon auf, bei uns hier ist Feiertag!“
Solche Dinge haben natürlich überrascht.

Aufnahmeprüfungen
Im September versammelten sich unter den Bedingungen fehlender Kommunikationsmittel Professorenschaft und Dozenten. Wie sie die Informationen ausgetauscht haben, kann ich nicht sagen, es hat mich erstaunt. … Studenten gab es im September 2014 erstaunlicherweise viele. Am meisten haben mich Kinder aus Ortschaften, die schon am Boden lagen, überrascht. Wie hat zum Beispiel bei uns die Siedlung Chrjatschewatoje gelitten … Kommt ein Kind mit seinen Dokumenten, ich schaue in den Pass; dort steht als Adresse: Chrjatschewatoje. Ich sehe den Jungen an und frage: „Wie haben Sie es geschafft, hierherzukommen? Und wo leben Sie jetzt?“ Er antwortet ganz ruhig: „Ich lebe mit meiner Mutter und meinem Schwesterchen im Keller. Erst bin ich zu Fuß losgegangen, später hat mich dann ein Auto mitgenommen.“ Er sagte das ganz ruhig und würdevoll. Er hat die Prüfung bestanden.
Teilweise kriegten wir nur unvollständige Gruppen zusammen, so 10 bis 20 Personen. Außerdem wollten sie in verschiedene Abteilungen: die der russischen Sprache, der russischen und der englischen bzw. der russischen und der ukrainischen. Außerdem nehmen wir Studenten anderer Fakultäten auf, die irgendein Nebenfach brauchen, Geographen und Historiker. Das waren auch recht viele. In dieser Situation gab es auch Beschuss. Bei uns klirren die Fensterscheiben und wir sitzen da und nehmen Prüfungen ab! Das hat mich angenehm erstaunt.

Vollbesetzte Kurse
Mittlerweile haben wir vollständige Gruppen. Im ersten Semester sind in einer schon 25, in einer anderen fast 30 Personen. Unsere Studenten schneiden gut ab. Viele machen auch Prüfungen in Russland und erhalten doppelte Diplome. Man hat dort eine hohe Meinung von ihnen, von ihrem Wissensstand, von ihrem Durchsetzungsvermögen – nur gute Bewertungen. So hat sich schon alles normalisiert. … Ich mache mir um meinen Lehrstuhl keine Sorgen. Unsere Jugend schreibt jetzt Dissertationen und ich denke, in ein paar Jahren haben wir frische Absolventen. Es gibt einige Aspiranten auf mein Amt, alle gute, aktive Leute.

Die Zukunft sehen
Die Zukunft unserer Universität sehe ich darin, dass wir uns auf russische Standards und Prinzipien der höheren Bildung orientieren. Zur Zeit wird hierüber viel gesprochen und uns scheint, dass der Bologna-Prozess (europaweite Vereinheitlichung von Studiengängen und -abschlüssen, Anm. d. Übers.), dem man vor dem Krieg hier verhaftet war, nicht gut funktioniert. Er senkt das Niveau der Anforderungen an die Studenten und das der Arbeitsorganisation, weil einige Studenten um jeden Preis den Punkten nachjagen.
Im Ganzen entwickelt sich unsere Universität, das Rektorat ist bemüht und alle unsere Dienste arbeiten. Das einzige, worüber alle Dozenten klagen, ist unverhältnismäßig viel Papier: umständliche Rechenschaftspflicht, Planung und sonstige Bürokratie. Das stört natürlich, gibt es heute aber leider überall. Alles übrige läuft normal, und es ist sehr wichtig, dass der Akzent jetzt auf den erzieherischen Aspekt gesetzt wird, und das ist auch nötig. Einfach gesagt: Wenn man mit den Studenten spricht, stößt man manchmal auf großes Chaos im Bewusstsein der Kinder, insbesondere unter der neu hier angekommenen Jugend.
Alles lebendige ist uns wichtig: Die Wissenschaft entwickelt sich, die erzieherische Arbeit wird geleistet, die Literatur lebt. Wir haben jetzt die erste Nummer der Studentenzeitschrift Natschālo (Anfang) herausgebracht und bereiten uns auf die zweite vor. Dort erhalten diejenigen Öffentlichkeit, die gerade ihre ersten Schritte machen. Wir haben entschieden, das zu einer ständigen Einrichtung zu machen, und die Kinder bieten die Materialien.

Der Donbass ist unser
Zur weiteren Entwicklung der Situation im Donbass – ich bin keine Politikerin – sage ich: „Es fällt mir schwer zu urteilen“. Allerdings glaube ich, dass unser ganzes Territorium, Donbass genannt, historisch gesehen nicht ukrainisch war. Seinen historischen Wurzeln nach gehört es zu Russland. Das weiß ich sicher. Und wenn man das Problem im Kern betrachtet, dann muss Russland uns integrieren.

Larisa Tschernijenko ist auch Chefredakteurin der Literaturzeitschrift Krylja (der Flügel), von der viele meinen, sie stünde den Moskauern in nichts nach. Das Erscheinen musste mit Beginn der Kampfhandlungen 2014 eingestellt werden. Inzwischen ist es Unterstützung durch den internationalen Schriftstellerverband wieder möglich. (Anm. d. Übers.)

 

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