Fünf Jahre LVR: Interview mit einem Vorstandsmitglied der Gewerkschaftsföderation

Lug-info.com Über den Niedergang der Ukraine und die Wiedergeburt des Donbass‘ erzählt das Vorstandsmitglied der Gewerkschaftsföderation der LVR und Vorsitzender der Gewerkschaft der Beschäftigten in innovativen und kleinen Unternehmen – Andrej Kotschetow, im Rahmen des Projektes 5 Jahre LVR – mit der Republik im Herzen dem Lugansker Informationszentrum.
Geboren in der UdSSR
Ich bin in der estnischen Sowjetrepublik in der Familie eines Offiziers der Roten Armee geboren. Meine Eltern stammen beide aus der Zentralukraine. Nach der Beendigung von Schule und mittlerer technischer Lehranstalt wurde ich zum Dienst in der Roten Armee einberufen. Ich diente in der Südgruppe der Streitkräfte – in Ungarn – als Kommandeur einer Einheit, grob gesagt als ‚Mütterchen der Infanterie‘. Nach dem Wehrdienst besuchte ich das Fremdspracheninstitut in Gorlowka. Danach arbeitete in verschiedenen Handelsorganisationen der Donezker, und ab 2001 auch der Lugansker Oblast. Ich hatte leitende Funktionen in verschiedenen staatlichen Unternehmen, die zum Ministerium für Landwirtschaftspolitik der Ukraine gehörten, inne. Mit einfachen Worten: Irgendwelcher Errungenschaften, auf die man besonders stolz sein könnte, kann ich mich nicht entsinnen. Ein ganz normales Leben eines in der UdSSR geborenen und geprägten Durchschnittsbürgers der Ukraine. Allerdings mit Familie: Frau und zwei Kinder, die Tochter ist 24, der Sohn 16.
Der Maidan (Marktplatz) der Zerstörung
Den ‚Maidan‘ habe ich sofort abgelehnt: Sowohl dem ersten 2004 (der sog. orangenen Revolution, Anm. d. Übers.) als auch der Version von 2013 gegenüber verhielt ich mich gleichermaßen ablehnend. 2004 fuhr ich nicht nach Kiew, obwohl mein Ministerium direkt am Kreschtschátik (Prachtstraße im Zentrum Kiews, Anm. d. Übers.) gelegen war. Ich dachte und denke auch heute noch, dass solche Erschütterungen fatal für einen Staat sind und ihn in der Entwicklung um Jahre zurückwerfen. Darüber hinaus habe ich während beider ‚Maidane‘ nicht einen einzigen Aufruf zur Kreativität gehört, ausschließlich zerstörerische Losungen. Die aufgebrachte Menge und ihre Marionettenführer strebten zur Zerstörung, was für mich nicht akzeptabel war.
Sie werden euch erschlagen
Kurz vor Beginn der tragischen Ereignisse in Kiew im Frühjahr 2013 begann ich mit der Gewerkschaftsarbeit. Im Jahre 2015 habe ich unsere ‚Gewerkschaft der Beschäftigten in innovativen und kleinen Unternehmen‘ eintragen lassen. Vor dem Krieg war sie eine allukrainische Vereinigung; in allen Oblasten arbeiteten meine Kollegen. Wir trafen uns mit ihnen und sprachen über die Ereignisse von Kiew. Mehrmals gab es gemeinsame Veranstaltungen in der Hauptstadt, und dabei gingen wir auch über den Kreschtschátik. Bis heute muss ich an die bedrückenden Eindrücke des Gesehenen denken: Gestank, Dreck, viele widerwärtige Visagen und Kämpfer mit umherschweifenden Blicken, jede Sekunde bereit, ihre Aggressionen an einem beliebigen Passanten auszulassen. Und das im Zentrum einer der schönsten Städte Europas! Alle Kollegen hatten begriffen, was vor sich ging. Und noch mehr: Auch Vertreter aus den westlichen Oblasten der Ukraine waren gegen das, was da ablief. Und als die Kämpfe im Donbass schon begonnen hatten, kamen gerade von ihnen Worte der Unterstützung. Ich erinnere mich noch an einen Satz, von einem Kollegen aus dem Westen in schönstem Ukrainisch vorgetragen: „Freunde, ich kenne meine Nazis. Kämpft bis zum letzten, sonst werden sie euch töten!“ Das war im April 2014. Die Beziehungen zu den Partnern in der Ukraine sind heute Vergangenheit. Nicht dass wir uns zerstritten hätten, es gibt nur keine gemeinsamen Themen, die man behandeln könnte. Bleiben die Verwandten in der Zentralukraine. Aber der Kontakt zu ihnen ist gerade wegen ideologischer Vorstellungen abgebrochen: Für sie ist ein Separatist ein Verräter. Aber das ist ihre Sicht.
Der Rubikon von Odessa
An den Lugansker Ereignissen war ich nicht besonders beteiligt. Zwei-, dreimal habe ich mit Kollegen den Verteidigern des Geheimdienstgebäudes Lebensmittel gebracht, aber ich halte das für nichts Herausragendes. Bis zum letzten Tag wollte ich nicht glauben, dass ich den Moment, in dem der Bürgerkrieg in der Ukraine ausbricht, erleben würde. Obwohl erregende Vorahnungen buchstäblich in der Luft hingen. Zur stärksten Erschütterung für mich wurden die Ereignisse vom 2. Mai in Odessa. Bis heute bin ich überzeugt, dass das der Rubikon war, nach dem die Ukraine nie mehr zu diesem blühenden, offenen Land wird, welches wir alle einmal so geliebt haben. Besondere Abscheu rief die Fernsehdirektübertragung in der Sendung Sawik Schusters (für seine Russlandfeindlichkeit bekannter litauischer Journalist, lebt in Florenz – Anm. d. Übers.) hervor, in der ein Aleksej Gontscharenko mit Mikrofon und Kamera zwischen den Leichen der bestialisch ermordeten Menschen umherging. Auch erinnere ich mich an die Worte von Lesja Orobjez (Politikerin aus der ‚Vaterlandspartei‘ Julia Timoschenkos) von den so wörtlich „verbrannten Scheißrussen“ in dieser Sendung.
Wenn bloß kein Krieg wäre
Alle weiteren Ereignisse verliefen, wie wir wissen, in Steigerungen. Ich erinnere mich noch, wie ich die erste Kontrollstelle an der Straße von Lugansk nach Donezk sah. Dicht bei dem Verkehrspolizeiposten in Jasinowataja stand eine auffällig gekleidete Gruppe von Männern. Ich hielt an und fragte sie, womit sie sich verteidigen würden. Sie zeigten mir ein einläufiges Jagdgewehr. Eins für zehn Leute! Einige Stunden später, auf dem Rückweg brachte ich ihnen Mineralwasser. Die Männer sagten, dass sie bis zum Abend noch ein zweites Gewehr kriegen würden. Aber selbst damals wollte ich nicht in der Tiefe der Seele begreifen, was ablief.
Eine erdrückende Vorahnung überkam mich, als über Lugansk zwei Kampfflugzeuge in extrem niedriger Höhe erschienen. Aus sowjetischer Zeit weiß ich sehr gut, dass das Fliegen über Stadtzentren verboten war. Und jetzt diese beiden Flugzeuge in dieser Höhe. Es war klar: Jemand hat dieses Verbot aufgehoben, die Regeln geändert, die jahrzehntelang streng beachtet wurden. Und dieser jemand konnte jederzeit solche Flugzeuge schicken, eine friedliche Stadt zu bombardieren. So geschah es am 2. Juni in Lugansk. Ehrlich gesagt denke ich nicht gern an all das zurück. Im Sommer 2014 begann ich, den Sinn der Worte meiner Großmutter zu verstehen: „Das allerwichtigste ist, dass es keinen Krieg gibt!“ Da kam die Einsicht, dass ich nie und unter keinen Umständen bereit wäre, unter der Bandera-Ideologie (ukrainischer Faschistenführer 1909 – 1959, Anm. d. Übers.) zu leben. Und das bedeutete, alles zu tun, damit sie sich hier nicht ausbreiten könne. Als mir das bewusst wurde, fühlte ich Unsicherheit, Zweifel und Schrecken. Mir wurde klar, dass ich alles in meiner Kraft stehende tun musste, damit diese nazistische Seuche in unserem Land nicht Fuß fassen konnte.
Die Informationsblockade durchbrechen
Die Gewerkschaften unserer Republik stehen vor einer ganzen Reihe von Aufgaben. Eine der wichtigsten davon ist, denke ich, die vom ganzen Westen, allen voran den USA, gegen die Republiken des Donbass verhängte Informationsblockade zu durchbrechen. Denn die weltweite Gewerkschaftsbewegung – das sind mal eben 100 Millionen Menschen in 120 Ländern der Erde, eine jahrhundertealte Tradition des Kampfes für die Rechte der arbeitenden Menschen und ein in diesen Jahren erarbeiteter gewichtiger Ruf. Aufgrund eines Zusammentreffens von Umständen und mit Zustimmung des Präsidenten der Gewerkschaftsföderation der LVR, Oleg Akimow, führte ich den aktiven Dialog mit ausländischen Kollegen, und sie begannen uns zu ihren Aktionen einzuladen. Mein erster Auftritt in dieser Hinsicht war die internationale Konferenz des Weltgewerkschaftsbundes im Gebäude des Europaparlaments. Ich lernte Kollegen kennen und erzählte davon, was im Donbass vor sich geht, zeigte einen Dokumentarfilm und Fotos. Nach diesem Besuch mehrten sich die Kontakte und ich bin viel mehr gereist. Schon im Frühjahr 2016 kamen Kollegen aus Italien und Österreich zu uns, um alles mit eigenen Augen zu sehen. Meine interessanteste Reise führte mich nach Sao Paulo in Brasilien. Mich überraschte die große Zahl junger Leute mit Tätowierungen sowjetischer Symbolik auf allen möglichen Körperteilen. Ich traf eine junge Frau mit Hammer und Sichel und den Buchstaben CCCP auf dem Rücken. Und das ist keine Mode, das ist ihre Überzeugung, die sie so schnell nicht ändern werden.
Unterstützung des syrischen Volkes
Noch ein Moment, das ich nicht übergehen möchte: Im September 2017 folgte ich einer Einladung des Generalverbands der Gewerkschaften der Syrischen Arabischen Republik (SAR) zu einer Konferenz in Damaskus. Das war meine zweite Syrienreise, und ich erinnere mich ganz besonders. Mit einer kleinen Delegation von Gewerkschaftsvertretern besuchten wir den Präsidenten der SAR, Baschar al-Assad. Alle anwesenden konnten dem Präsidenten Fragen stellen. Ich habe keine Fragen gestellt, sondern nur Worte der Unterstützung des syrischen Volkes und des standhaften Präsidenten zum Ausdruck gebracht. Assad erwiderte, dass er nicht nur die Vorgänge aufmerksam verfolge, sondern auch viel Gemeinsames bei den Ereignissen in unseren Ländern empfinde. „Die USA sind bemüht, in Staaten Chaos zu installieren und verhängen eine Informationsblockade nach außen. Diese Technologie wenden sie überall an, und leider ziemlich erfolgreich. Sie wurde angewendet als Syrien der ganzen Welt als militanter Aggressor vorgeführt wurde. Dasselbe passiert im Lichte der Ereignisse im Donbass“, unterstrich Assad. Das sind meiner Ansicht nach gewichtige Worte.
Unerfreuliche Prognose für die Ukraine
Wenn ich über die Zukunft unserer ehemaligen Heimat zu sprechen komme, verstehe ich heute nicht, mit welchem Recht die Befürworter des ‚Maidans‘ die Liebe zur Ukraine für sich in Anspruch nehmen. Unter all meinen Bekannten und Freunden gibt es keinen einzigen, der die Ukraine nicht liebte und schätzte. Aber das, worin sie der ‚Maidan‘ verwandelt hat, das mag sein was will, aber nicht die Ukraine. Es ist unstrittig schade und schmerzhaft, den Zerfall des Landes, in dem ich einen großen Teil meines Lebens verbracht habe, mit anzusehen.
Allein die riesige Zahl der Präsidentschaftskandidaten zeugt davon, dass das Land in Stücke zerfällt. Das gute Abschneiden Selenskijs bei den Umfragen beweist, dass die Ukrainer des Häufleins raffgieriger Räuber, die das Land schon ein Vierteljahrhundert lang ins Verderben reiten, überdrüssig sind.
Andererseits wächst die Zahl der Leute, die sich im Rausch der Straffreiheit und des Blutleckens bewaffnen. Sie wollen sich nicht von der Macht verabschieden, sie sind bereit, das Land zu führen und dafür zu töten und nochmal zu töten. Die rechtmäßige oder halb rechtmäßige Unterdrückung nicht nur missliebiger Politiker, sondern auch von Geschäftsleuten, Journalisten und einfacher Bürger nimmt spürbar zu. Wenn es offiziell sein soll, machen das Geheimdienst oder Polizei, wenn nicht, die Vielzahl der neofaschistischen – oder Banditengruppierungen.
Und das Wichtigste ist: Es keine politische Kraft, die es vermag, den gesunden Teil der Gesellschaft zur Wertschöpfung anzuspornen, zu realer, auf die Stärkung der Wirtschaft des Landes gerichteter Kreativität. Zu sowjetischer Zeit war die Ukraine doch eine Republik mit enormem industriellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Potential. Und die von der Sowjetunion angelegten Reserven reichten zu 25 Jahren mehr oder weniger mängelfreier Existenz. Und was sehen wir jetzt ? Ungebremsten Niedergang, den niemand mehr aufhalten kann. Eine erfreulichere Prognose kann ich einfach nicht stellen.
Der Glaube an die Zukunft
Über uns, die Republiken des Donbass sprechend, sehe ich Positives. Wir haben es zwar heute schwer, aber wir haben eine bewusste Entscheidung getroffen. Wir haben uns nicht gefürchtet, gegen ein destruktives System, seine Armee und die anderen gesetzlichen oder irregulären bewaffneten Strukturen anzutreten.
Es ist zu hoffen, dass es uns gelingt, eine funktionierende Industrie aufzubauen. Denn das Potential des Donbass ist sehr hoch. Und unser Gebiet ist gerade als Industrieregion entstanden. Klar wird es schwierig. Viele äußere Faktoren wirken auf den Prozess des Wiederaufbaus der Wirtschaft. Aber ich glaube innig an die Zukunft des Donbass‘. Ich glaube, dass wir alle Schwierigkeiten überwinden werden. Ich treffe mich oft mit den verschiedensten Arbeitskollektiven und rede mit den Menschen. Und niemals habe ich Worte des Bedauerns, oder dass wir 2014 eine falsche Entscheidung getroffen hätten, gehört. Unsere Menschen wollen und können arbeiten, und so wird es auch sein!
Das Begonnene fortsetzen
Der Krieg hat mich gelehrt, keine Luftschlösser zu bauen. Ich will Frieden, eine gewisse Stabilität. Ich will, das unsere Jugend nicht auf der Suche nach einem besseren Leben unser Land verlässt. Ich möchte, dass meine Verwandten und Freunde gesund sind.
Bei der Arbeit gibt es riesenhafte Pläne, an deren Umsetzung ich ständig arbeite. Manches gelingt nicht, aber im Großen und Ganzen bin ich mit dem Resultat zufrieden. Ich hoffe sehr, dass mir Kräfte und Begeisterung, das Begonnene fortzusetzen, verbleiben.

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