Brief einer Mutter aus Slawjansk vom 27. Mai

Guten Tag!

Die Situation in der Stadt ist aufgeheizt.  Gestern war ein schrecklicher Angriff. Die Geschosse flogen in den Wohnbezirk Artjem.
3 Menschen, die nicht geschafft haben, rechtzeitig in Deckung zu gehen, sind tot. Ein Kind, etwa 13 Jahre alt, ist verletzt und auch etwa 2 Dutzend Erwachsene.
Eine Granate hat die Bäckerei zerstört, die Fenster der Pädagogischen Hochschule und im Studentenwohnheim sind rausgeflogen. Auch die Häuser neben der Bäckerei sind getroffen worden. Menschen, die sich in den Badezimmern ihrer Wohnungen versteckt haben, haben Hörschaden davongetragen, das Trommelfell ist geplatzt.
Unser neuer Präsident hat befohlen, den Angriff zu verstärken und den „Separatisten“(also uns, Menschen, die einfach ihre Menschenrechte verteidigen), in wenigen Stunden zu vernichten. Das Schuljahr ist vorzeitig beendet. Die Kinder werden eilig nach Swjatogorsk, Brusin und auf die Krim (ins Sommercamp „Artek“) evakuiert.

Ich habe mein Kind vor einer Woche zu Verwandten ins Nachbardorf geschickt. Er fragt immer, ob der Krieg schon zu Ende ist. Sagt, wenn er schläft, dann hört er keine Explosionen. Nach Hause will er nicht.
Wir haben in 15 Minuten alle seine Sachen gepackt ( so schlimm war die Situation) und haben viele Sachen vergessen. Ich konnte sie nicht übergeben. Postautos lassen sie nicht durch.
Ich wollte mit dem Bus dorthin fahren, aber die ukrainische Armee hat uns aus der Stadt nicht rausgelassen.

Auf den Landstraßen werden viele Autos zerschossen. Das Psychiatrische Klinikum ist zerstört. Kiew hat verboten, uns die Löhne und Renten, alle soziale Gelder auszuzahlen.. Alle Geldtransfers sind auf Eis gelegt. Paketsendungen kommen noch zu uns.
Das ist Bevölkerungsgenozid. Wir haben keine Nerven mehr.

Danke für Ihre Hilfe! Die Kinder werden bestimmt sehr froh sein.
Изображение 217 Изображение 179 Изображение 182 Изображение 204 Изображение 205 Изображение 213

Standard

2 Gedanken zu “Brief einer Mutter aus Slawjansk vom 27. Mai

  1. Liebe Frau Mayer,

    wenn man von den Nöten der Menschen, vor allem der Kinder hier liest, fühlt man sich ganz hilflos. Denn die Ukraine ist uns ja doch ganz nah. Donezk ist die Partnerstadt, der Stadt, in der ich lebe & ich habe auch schon Menschen von dort im Rahmen von Städtepartnerschaften – allerdings nur flüchtig – kennengelernt. An der Schule, an der ich arbeite, haben wir jedes Jahr junge angehende Deutschlehrerinnen aus der nicht weit entfernt liegenden russischen Stadt Belgorod zu Besuch. Dass in einer uns so verbundenen Region Krieg herrscht – und dann noch einer, an dem die deutsch Regierung durchaus Mitschuld trägt, weil sie geopolitisch mitzockte und noch nicht einmal jetzt, wo es blutig wird, den Mut besitzt, zum Wohle der Menschen aus diesem unwürdigen geopolitischen Pokerspiel auszusteigen, macht mich wütend und hilflos.

    Deshalb würde ich gerne etwas tun. Haben Sie Kontaktadressen in der Region? Könnte man irgendwelche Hilfslieferungen organisieren? Pakete schicken (lassen)? Persönlich Hilferufe weitergeben? Werden für irgendetwas konkret Multiplikatoren gesucht? Ich glaube, in Deutschland würde sich viel Öffentlichkeit, konkrete Hilfe & Solidarität organisieren lassen, wenn mehr persönliche Kontakte bestehen würden, wenn es konkrete Adressen gäbe, an die man etwas senden könnte, woran Bedarf besteht. (Ich arbeite in einer Schule – und da gäbe es bestimmt viele Kinder und Jugendliche (ab 13), die sich motivieren ließen, Briefe und Pakete zu senden. Allerdings beginnen in sechs Wochen die Sommerferien – das müsste dann bald geschehen. Wir haben auch eine Kollegin, die Russisch studiert hat und übersetzen könnte.)

    Wenn schon unsere Politiker so gleichgültig gegenüber den Nöten der Menschen ist, dann sollten wenigstens wir gewöhnlichen Bürger zeigen, dass die Menschen wahrgenommen werden und nicht allein sind.

    Über irgendeinen konkreten Hinweis, was ich für die Menschen in der Ostukraine tun könnte, würde ich mich freuen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Anja Böttcher

    Like

  2. Grit schreibt:

    Anja Böttcher spricht mir aus dem Herzen. Mir geht es ganz genau so. Besonders berührt hat mich die Videobotschaft der KInder aus Slowjansk sowie der Briefwechsel zwischen Schülern aus Hohenschönhausen und Slowjansker Kindern. Ich würde gern mit meinen Schülern auch auf diese Weise Solidarität zeigen. Wohin schickt man die Briefe?

    Like

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s